Eine Familie im Strudel der algerischen Geschichte
Nach dem Tod der Mutter folgt Yazid dem Ruf der Vergangenheit und kehrt nach Algier in die Rue Darwin im Viertel Belcourt zurück. Im Zentrum dieser aussergewöhnlichen Familiengeschichte steht die übermächtige Großmutter Lalla Sadia, genannt Djéda. Sie ist Patronin des dörflichen Gutes, auf dem Yazid und seine Geschwister ihre Kindheit verbracht haben, bevor sie nach Algier kamen. Djéda ist auch die Herrin des Bordells nebenan. Diesem blühenden Geschäft verdankt sie ihren Wohlstand und nicht zuletzt ihren Einfluss, der weit über die Grenzen des Ortes hinausreicht. So übersteht die Familie die bewegten Zeiten von den 50er Jahren bis in die Gegenwart nicht ohne selbst in diese Geschichte verstrickt zu sein. In diesem wohl persönlichsten Roman erzählt Boualem Sansal zärtlich und voller Humor von Korruption, Elend und zunehmender Tristesse. Er zeichnet ein farbenprächtiges Porträt des heutigen Algerien und seiner Bevölkerung. Bis heute zerrissen zwischen der Liebe für die Heimat und einem Frankreich, mit dem noch längst nicht alle offenen Fragen geklärt sind, ist die Auseinandersetzung mit Herkunft und Identität der notwendige Weg für die Entwicklung neuer Lebensperspektiven.
Roman, aus dem Französischen von Christiane Kayser, 264 S., fadengeheftetes Hardcover mit Schutzumschlag, 2. Auflage
Boualem Sansal, Jg. 1949, ist Ingenieur und Ökonom und war bis zu seiner Entlassung im Frühjahr 2003 Direktor des algerischen Industrieministeriums. In Frankreich, wo Sansal für seine Romane vielfach ausgezeichnet wurde (u.a. Prix du Premier Roman, Prix Louis-Guilloux, Grand Prix RTL-Lire, Grand Prix du Roman de l’Académie française), gilt er als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller. Trotz der durch Angriffe auf die Regierung bedingten Gefährdung lebt Sansal noch immer in Algerien.
Im Herbst 2011 wurde Boualem Sansal mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.